Im Andenken an Dr. Giovanni Lombardi - Gründungs- und Ehrenmitglied der FGU

Giovanni Lombardi, Bürger von Airolo, ist im Jahr 1926 geboren und in den französischen Pyrenäen aufgewachsen. Dort zeigte er schon als Gymnasialschüler waches technisches Interesse, insbesondere für den Baustoff Holz, mit dem er im elterlichen Sägebetrieb vertraut wurde. Schon früh entwarf er Holzbrücken und liess ein speziell entwickeltes Kettensägesystem brevettieren. Seine Wertschätzung des Materials Holz blieb auch während seinem späteren Wirken erhalten: bei zahllosen Tunnel-Stützproblemen in drückendem Gestein erwies sich seine Lösung mit nachgiebigen Holzeinlagen als effizient und einfach.

Nach der Erlangung der eidgenössischen Matur in Basel studierte er an der ETH Zürich, mit dem Abschluss eines Doktorates zum Thema der Bogenstaumauern im Jahre 1954. In dieser Periode absolvierte er berufliche Praktika, mit Schwerpunkt Wasserbau, in Freiburg und Bern. Mit 30 Jahren liess er sich im Tessin nieder, wo er mit einem Partner ein Ingenieurbüro eröffnete. Nach 10 Jahren trennten sich ihre Wege, weil Lombardi das Potential der Informatik erkannte und ein eigenes Rechenzentrum gründen wollte.

In der ersten Phase seiner Tätigkeiten standen die Wasserkraftanlagen im Vordergrund, vorerst im Tessin. Das herausragende Werk war das Kraftwerk der Verzasca mit der 220 m hohen doppelt gekrümmten Bogenstaumauer. Die Mauer, deren erster Vollstau anlässlich eines Hochwassers im Jahre 1965 erfolgte, zeichnet sich durch zwei innovative Besonderheiten aus: einerseits durch den sehr hohen Schlankheitsgrad, anderseits durch die erstmalige Anwendung eines elektronischen Rechenprogramms für die statische Analyse.  

Neben den Wasserkraftanlagen entstanden auch Projekte im Hoch- und Strassenbau, sowie Brücken, z.B. die erste kühne Haarnadel-Plattenbrücke Fieud entlang der Südrampe zum Gotthardpass.

Der Schwerpunkt der Tätigkeiten wandte sich immer mehr zu seinem Lieblingsgebiet,  der Felsmechanik und dem Tunnelbau. Das erste grosse Projekt, den Gotthard-Strassentunnel, gewann Lombardi im Rahmen eines Ingenieurwettbewerbs. Sein System- und Trassierungsvorschlag entstand aus einer minutiösen Optimierungsarbeit, mit welcher, aufgrund der vielschichtigen Randbedingungen die kostengünstigte Lösung hervorging. Der Kostenvorteil bestätigte sich dann auch beim Eingang der Offerten für die Bauarbeiten, welche für beide damals in Konkurrenz stehenden Projekte eingegeben werden mussten.

Giovanni Lombardi setzte sich massgeblich für die Förderung des Schweizerischen Tunnelbaus ein.  Am 12. September 1973 präsidierte er die Gründungsversammlung der FGU. Eines der damaligen Themen war die Erarbeitung eines Normpositionenkatalogs für Tunnelarbeiten. Dazu diente als Grundlage eine von Lombardi erstellte zweisprachige Version für die Ausschreibung des Gotthard-Strassentunnels im Jahre 1968. 

Seinen Einfluss auf Lehre und Forschung nahm er auch mit dem Einsitz im Schweizerischen Schulrat, sowie als Experte in zahlreichen Lehrstätten wahr. Im Jahr 1986 erhielt er den Honorartitel an der EPFL und 2004 den Titolo ad honorem am Politecnico Milano. Im selben Jahr gründete Lombardi eine Stiftung, mit dem Zweck, promovierende Ingenieurstudenten mit  Forschungsprojekten fachlich und finanziell zu unterstützen.

Während vielen Jahren trug Giovanni Lombardi in unzähligen weltweiten Boards das Ansehen der Schweizerischen Ingenieurwissenschaft ins nahe und ferne Ausland.

Aus der Fülle seiner Errungenschaften sind einige bedeutende tunneltechnische Thematiken, wo er Besonderes, nicht nur theoretisch sondern auch praxisnah, geleistet hat, erwähnt:

  • Für die Analyse und Beherrschung von Untertagbauten in quellendem Gebirge, wie in den Laborkavernen des CERN, oder als Experte beim Seelisbergtunnel entwickelte er solide und zweckmässige Lösungen.
  • Die von ihm begründete FES-Methode, zur Analyse der wassergesättigten Gebirgsmasse, fand bei unzähligen felsmechanischen Problemen Anwendung, so auch bei der Ursachenermittlung der Verformungen der Staumauer Zeuzier, infolge der Drainagewirkung durch den Rawil-Sondierstollen.
  • Für Abdichtungen und Gebirgsverfestigungen durch Injektionen leitete Lombardi die Abkehr vom intuitiven Vorgehen ein, indem er eine saubere technisch-wissenschaftliche Analyse des Injektionsvorgangs aufstellte, woraus die GIN-Methode entstand.
  • Seine Tätigkeit war nicht nur reine Projektierung, sondern  er hat immer die Ausführungsmodalität und vor allem die Wirtschaftlichkeit seiner Werke einbezogen. Mit unermüdlichem Ideenreichtum fand er Lösungen, auch für schwierige Probleme, die durch Einfachheit und durch ein gesundes Kosten/Nutzen-Verhältnis überzeugten. 

Sein vielseitiges Interesse zeigte sich auch an innovativen Realisationen ausserhalb seiner Haupttätigkeit: Z.B. beim Umgang mit Energie, nicht nur in Bezug auf deren Erzeugung, sondern auch im Verbrauch. Lange bevor die Politiker auf den imagefördernden Zug der Energiewende aufsprangen, projektierte Lombardi echt energiesparende Anlagen, sei es für öffentliche Bauten, sei es für industrielle Betriebe und Wohnbauten. Im Jahr 1980 ging das erste von ihm realisierte Niedrist-Energie – Mehrfamilienhaus in Betrieb. Diese Anlagen beeindrucken nicht nur wegen der damaligen Innovationsleistung, sondern auch dadurch, dass sie seit Jahrzehnten einwandfrei funktionieren.

Obwohl er einer der Pioniere der Anwendung der Informatik war, blieb Giovanni Lombardi gegenüber der Informatik immer skeptisch. Oft warnte er, dass deren blinde Anwendung, ohne das notwendige grundlegende Wissen, und ohne die korrekte Interpretation der Resultate, zu überhasteten und möglicherweise gefährlichen Schlussfolgerungen führen.

Seine Ganzheit als Mensch wirkte sich auch durch seine kulturellen Interessen und Engagements aus, sowie durch seine sprachliche Gewandtheit. Auch liess er sich die Zeit nicht nehmen, um an Schachturnieren und klassischen Konzerten teilzunehmen.

Mit seiner natürlichen, nicht selbst erhobenen Autorität, war er immer freundschaftlich im persönlichen Dialog, wirkte entspannend und zuweilen auch scherzhaft. Mit seiner Bescheidenheit hatte er nie Vorliebe für Glanz und Gloria, aber sich zuweilen auch nicht ungern geehrt gefühlt.

Eine seiner letzten Faszinationen war die Untersuchung der Machbarkeit eines Tunnels unter der Strasse von Gibraltar. Diese technisch schwierige Aufgabe, mit bisher noch nie bekannten Randbedingungen, bedurfte einer fachlichen Kompetenz, die seiner Reife gerecht war.

Giovanni Lombardi verstarb am 22. Mai 2017. Mit ihm ist eine der weltweit herausragendsten Ingenieurpersönlichkeiten von uns gegangen. Seine Verdienste für den Tunnelbau werden uns bleibend dienen.

Andreas Henke, FGU Präsident 2004-2006

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